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Du kannst!
So wolle nur!

Johann Wolfgang von Goethe, Faust I, Vers 4544 
(Faust zu Gretchen im Kerker)

Gedanken zum Goethe-Zitat     "Du kannst! So wolle nur!"    von Sonnja Wahl

Im letzten September reisten Werner und ich über unsere Geburtstage nach Leipzig. Hierbei freuten wir uns über das  Geldgeschenk von den Teilnehmern der Marienbader Reisegesellschaft, herzlichen Dank noch einmal an dieser Stelle.
Christel Rabe gab uns den Hinweis, dass in einem großen Hotel in der Innenstadt im Eingangsbereich Goethe-Zitate stünden. Gleich am ersten Abend wurden wir fündig: der rote Teppich im Steigenberger Grandhotel ist unterbrochen von großen, von unten beleuchteten roten Glasbausteinen, auf jedem ein Zitat in etwas krakeligen Druckbuchstaben, so angeordnet, dass man es, wenn man Acht gibt, beim Hinein- und Herausgehen lesen kann. Faszinierend. 
Ein Zitat fiel uns auf und machte in seiner schroffen Kürze gleich einen starken Eindruck.

Du kannst! 
So wolle nur!

Wie ein freundschaftlicher Schulterschlag am Ende eines langen Gesprächs. Alles ist gesagt. Jetzt ist es Zeit zu 
handeln, aus eigenem Impuls, in eigener Verantwortung. 
Das gilt für viele verschiedene Situationen, im persönlichen Bereich, aber auch im gesellschaftlichen. 
Die Worte treffen genau das Erfordernis unserer Zeit am Anfang dieses neuen Jahrzehnts, den 20er Jahren, von denen die Wissenschaftler sagen, die jetzt zu treffenden Weichenstellungen seien entscheidend für unser Leben auf unserem Planeten Erde. 

Du kannst!  
So wolle nur! 

Das haben wir zum Jahresmotto 2020 für die Goethe-Gesellschaft Ludwigsburg gewählt. 
Es stammt aus der letzten Szene im Faust I, wo Faust Gretchen aus dem Kerker holen will. 
Dieses Mut machen und dabei die Entscheidung bewusst und deutlich im Willen des Gegenübers zu sehen und zu akzeptieren, kein Überreden und Gezerre, trotz aller auch schrecklichen Konsequenzen, das ist Größe und doch auch die einzige Möglichkeit zum nächsten Schritt zu kommen, die Stufen zu erklimmen, die aus dem Kerker führen. Das nämlich braucht eine klare Ent – Scheidung des Einzelnen, ein sich Trennen von Gebundenheiten, die ungut, aber eben vertraut und eingewöhnt sind. 
„Nur wer bereit zu Abschied ist und Reise, Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen…“ heißt es bei Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“. 
Bei Gretchen ist es die herrschende Moral, die Kirchenreligion, die sie bindet, ihr Verwickeltsein und Verharren in Schuld und Angst – Angst vor dem was kommt, nicht nur die Selbst-Bestrafung für Vergangenes, die brennende Reue, das Fegefeuer, sondern auch Angst vor dem, was kommt, wenn sie heraustritt aus ihrem Kerker. Dort wartet kein Paradies, sondern neben oder sogar im Verbund mit dem Geliebten auch Mephisto, dem man sich dann stellen muss. 
„Angst essen Seele auf“, Sie kennen diesen Filmtitel .Das Herz als Sitz der Seele. Nur „beherzt“ schaffen wir den Weg aus unseren Gebundenheiten, ohne Angst vor Verlust von Luxus, Besitz, Geld und allen möglichen Annehmlichkeiten, die uns an die Konsumgesellschaft ketten und wo der Wohlstand immer nur auf Kosten von anderen geht. Wir sind verwickelt in ein Gesellschaftssystem, das ungerecht ist und Mensch und Natur ausbeutet, vergewaltigt und zerstört. 
Jetzt sind wir an den Grenzen angelangt, sie werden sichtbar in den Feuern von Australien, in den Überschwemmungen, Trockenheiten und Verwüstungen. Noch sind es für uns hier Bilder …aber wir alle wissen um das Leid der Kreatur. 
Das verlangt eine klare Entscheidung und daraus folgend mutiges Handeln jedes Einzelnen für das Leben auf unserem Planeten Erde. 

Du kannst! 
So wolle nur!

Sonnja Wahl

Fußboden – Glasstein im Eingangsbereich des Hotels Steigenberger Grandhotel Handelshof Leipzig, Leipzig
Foto: Werner Fleig, 2019

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